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Festansprache des bayerischen Generalkonservators Prof. Dr. Egon Johannes Greipl

Sehr verehrte Frau Brogsitter-Finck, liebe Mitglieder des Vorstands der Schutzgemeinschaft, meine Herren Bürgermeister, liebe Freunde, meine sehr verehrten Damen und Herren! Heute Abend möchte ich Ihnen, der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, gratulieren und Ihnen danken für Ihren jetzt vierzig Jahre anhaltenden, leidenschaftlichen Einsatz für das kulturelle Erbe unseres Landes, für seine Landschaft und für seine Geschichte. Als Gratulant zu diesem Geburtstag habe ich an den winterlichen Tegernsee nicht einen heiteren Strauß bunter Blumen mitgebracht, sondern einen Strauß eher ernster Gedanken. Ihre Gemeinschaft ist vierzig Jahre und damit beinahe genauso alt wie das Bayerische Denkmalschutzgesetz, aus dem Jahre 1973, auf das wir einst so stolz waren, weil es ein Beispiel gab für ganz Europa. Stolz waren wir! Warum ist es heute mit dem Stolz nicht mehr so weit her? Vor fünf Jahren, im August 2007, erteilte ein Landratsamt in Niederbayern die Abbrucherlaubnis für ein Denkmal, ein stattliches Bauernhaus. In der Begründung heißt es: Das Landratsamt…kommt in seiner Abwägung zum Ergebnis, die Genehmigung für den Abbruch des ehemaligen Bauernhauses zu erteilen, da die Schäden aufgrund des unterlassenen Bauunterhalts zu gravierend sind und der Großteil der verbliebenen historischen Bausubstanz bei einer Sanierung verloren ginge. Dieser Satz bedeutet nichts anderes, als dass ein Denkmaleigentümer nur den Bauunterhalt unterlassen muss; die Behörde, die den Denkmalschutz nach dem Denkmalschutzgesetz, auf das alle so stolz waren, schaut zu und erteilt schließlich die Erlaubnis zur Beseitigung. Dieser Vorgang, weit davon entfernt, ein Einzelfall zu sein, ist nichts anderes als die Bankrotterklärung des Systems Denkmalpflege, das auf der Grundlage des Gesetzes aus dem Jahre 1973 funktionieren soll. Soll. Über 3.000 Baudenkmäler, vorwiegend Bauernhäuser und Bürgerhäuser in Bayern stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben. Das Landesamt für Denkmalpflege kämpft für jedes Denkmal. Unsere Kollegen sind fast ausnahmslos rund um die Uhr im Einsatz und weit davon entfernt, den gängigen Vorurteilen gegenüber Behörden zu entsprechen. Sie arbeiten freundlich, überzeugend, schnell, ja sogar besser als manches Unternehmen der privaten Wirtschaft. Aber: Das Landesamt für Denkmalpflege ist nur ein Teil des Systems Denkmalpflege. Seit Jahren benenne ich die Mängel dieses Systems in gnadensloser Klarheit. Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht! Ich wünsche mir von den Abgeordneten des bayerischen Landtags, dass sie sich mit diesen Tatsachen befassen, die Mängel des Systems erkennen und beseitigen und uns finanziell und personell in die Lage versetzen, dem drohenden gewaltigen Denkmalverlust zu begegnen. Was kommt, zeichnet sich ab! Wir Denkmalpfleger werden uns die Verantwortung für die Schande des Kulturstaats nicht zuschieben lassen! Es stelle bitte niemand irgendwann die Frage, wie es soweit kommen konnte. Diese Frage möge man bitte auch dann nicht an uns richten, wenn es um die in mancher Hinsicht bedenklichen Auswirkungen der Energiewende auf unser historisches Erbe geht. Vor wenigen Tagen hat das Umweltministerium den Windatlas Bayern mit den für die Errichtung von Großwindkraftanlagen geeigneten und ungeeigneten Standorten verteilt. Der Belang des Schutzes unserer historischen Kulturlandschaft, die maßgeblich vom baulichen und archäologischen Erbe geprägt ist, kommt nicht vor, wurde auch gar nicht erst abgefragt, war nicht gefragt! Eine dreistellige Millionensumme steht für Forschungen zur Verfügung, die sich mit technischen Fragen der Energiewende befassen. Kein einziger Euro war übrig, um den von uns dringend empfohlenen Kataster der historischen Kulturlandschaft schnell auf die Beine zu stellen und die von uns vertretenen Werte für eine wirklich gesteuerte, auch im Sinne der in der Bayerischen Verfassung verankerten Werte gesteuerte Entwicklung positionieren zu können! Die hektisch, nicht zuletzt von massiven wirtschaftlichen Interessen vorangetriebene Energiewende ist eine Art Patenrezept. Vorsicht mit Patentrezepten! Vor hundert Jahren gab es das Patenrezept „Regulierung der Gewässer“. Milliarden wurden ausgegeben. Längst stellen die Leute die Frage: Wie konnte das passieren? und geben Milliarden für das Gegenteil aus. In den 1960er Jahren gab es das Patenrezept „Autogerechte Stadt“. Milliarden wurden ausgegeben; keine 20 Jahre später stellten die Leute die Frage: Wie konnte das passieren und gaben Milliarden für Verkehrberuhigung und Umgehungsstraßen aus. Um die gleiche Zeit gab es das Patentrezept „Rettung der Landwirtschaft durch Flurbereinigung“. Milliarden wurden dafür ausgegeben. Wenig später fragten die Leute nach den verschwundenen Tieren und den verschwundenen Pflanzen; sie fragten, wie es soweit kommen konnte und gaben Milliarden für Artenschutzprogramme aus. Sie, die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal und ich sind vor einigen Jahren in eine nähere Beziehung getreten, als es um das Schicksal des Gutes Kaltenbrunn ging. Nur sehr ungern denke ich an den Druck zurück, unter welchem damals das Landesamt für Denkmalpflege und ich selbst standen. Dabei taten wir nichts anderes als das, für was wir bezahlt werden. Wir werden nicht dafür bezahlt, eine Käseglocke über unser Land zu stülpen und jede Entwicklung zu blockieren; wir werden auch dafür nicht bezahlt, den Investoren aller Art maximale Kapitalerträge, ggf. steuerliche Vorteile auf Kosten der allgemein verfügbaren Werte zu ermöglichen. Wir werden ausschließlich dafür bezahlt, uns für einen auf fachlichen Grundsätzen ruhenden, gesteuerten und sensiblen Umgang mit unserer Landschaft und mit den Zeugnissen unserer Geschichte einzusetzen. Tun wir das nicht oder dürfen wir das nicht tun, soll man bitte das Landesamt für Denkmalpflege abschaffen, besser heute als morgen. Gut Kaltenbrunn ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie es um das im Bayerischen Denkmalschutzgesetz System Denkmalschutz bestellt ist. Die Teile dieses Systems sind der Denkmaleigentümer, die Gemeinde in ihrer Planungshoheit, das Landratsamt als Untere Denkmalschutzbehörde, ggf. die Regierung von Oberbayern als Höhere Denkmalschutz- und Aufsichtsbehörde und das Landesamt für Denkmalpflege als Fachbehörde. Im Falle Kaltenbrunn konnte das Landesamt für Denkmalpflege den Belangen des Denkmals kein Gehör verschaffen, die Gemeinde Gmund unterließ die gebotene Abwägung und stellte einen Bebauungsplan auf, der einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhielt, das Landratsamt Miesbach und die Regierung von Oberbayern schauten zu. Kaltenbrunn gibt es noch, nicht weil das System Denkmalschutz funktioniert hätte, sondern obwohl es nicht funktioniert hat, und weil zwei im Denkmalschutzgesetz nicht vorgesehene Kräfte, nämlich das bürgerliche Engagement der Schutzgemeinschaft und der Bayerische Verfassungsgerichtshof in das fehlerhaft funktionierende System Denkmalschutz eingriffen. Das Gerichtsurteil verhinderte zwar das Verschwinden von Kaltenbrunn, musste es aber nach getaner Arbeit wieder dem System Denkmalschutz überlassen, das dann erneut seine gravierenden Mängel sichtbar unter Beweis stellen konnte. Die Affäre Kaltenbrunn gibt die Gelegenheit, einige allgemeine Überlegungen zum Funktionieren von Politik in einem demokratischen Staatswesen anzustellen. Die im 18. Jahrhundert entwickelte Lehre von der Repräsentation des Willens aller Bürger durch ein Parlament hat behauptet, dass so ein Parlament den tatsächlichen politischen Willen der Bürger maßstäblich abbilde. Die Erfahrung ist anders. Nicht selten nämlich ist es so gewesen, dass die Repräsentanten der Bürger, die Stadträte, Landtags- oder Bundestagsabgeordneten, alle unter Dauerbeschuss der Lobbies stehend, erst durch direktes bürgerliches Engagement in Bürgerinitiativen, Bürgerbegehren, Volksbegehren, Volksentscheiden oder in neuen parteipolitischen Gruppierungen mit der Nase darauf gestoßen worden sind, was die Bürger eigentlich wollten. Und nicht selten sind erst auf solche Weise Probleme aufgedeckt, beschrieben und einer Lösung nähergebracht worden. In diesem Zusammenhang könnte man den ganzen Komplex der Ökologie nennen, der in seiner Brisanz zunächst nicht durch die etablierten Parteien erkannt und ins Bewusstsein gerückt worden ist, sondern durch bürgerliche Initiativen und neue politische Gruppierungen. Nicht umsonst ist Ihre Schutzgemeinschaft kurz vor der gesetzlichen Regelung des Denkmalschutzes in Bayern entstanden, in der Zeit eines weit verbreiteten, jedoch keineswegs nur aus dem politisch linken Spektrum gespeisten Unbehagens an der etablierten, von gewählten Mandatsträgern gestalteten Politik. Die Stunde einer breiten bürgerlichen Bewegung war damals gekommen! Nicht selten sind unsinnige städtebauliche Projekte oder brutale Eingriffe in die historische Substanz politisch schon beschlossen, durch den Aufschrei der Bürger verhindert worden. Nach der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es Bauern und Bürger, die gegenüber einer aufgeklärten Staatsverwaltung durch Hartnäckigkeit, die bis zum Ungehorsam ging, sich für den Erhalt von als überflüssig beurteilten Kirchen, insbesondere Wallfahrtskirchen einsetzte. Das waren zwar keine spezifisch denkmalpflegerischen Motive, sondern Motive eines allgemeinen Traditionsbewusstseins und auch der Frömmigkeit und Ehrfurcht, diese hatten aber eine denkmalpflegerische Wirkung. Dazu ein Beispiel, das nicht an den Ufern des Tegernsees liegt: In der Stadt Regensburg, wo ich sechs Jahre Kulturreferent war, hat sich im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert der Historische Verein erfolgreich gegen Planungen zum Abbruch der Steinernen Brücke, eines Baudenkmals von Weltrang, starkgemacht, und vor wenigen Jahren haben wiederum die Bürger in einem Bürgerentscheid die Verwaltung gezwungen, diese Brücke für den Autoverkehr zu sperren, um ihre Substanz zu schonen. So haben sich bürgerliche Initiativen nicht selten als weitsichtiger erwiesen als politische Entscheidungsgremien. Engagierte Bürger, wie sie sich in Ihrer Schutzgemeinschaft „Tegernseer Tal“ zusammengetan haben, bilden für die Tätigkeit des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege eine unverzichtbare Stütze. Das Engagement freier Bürger verankert den Gedanken von Denkmalschutz und Denkmalpflege in einer breiten Öffentlichkeit besser als eine Behörde dies kann. Freie Bürger überzeugen durch Taten und Beispiel, sie sind die Lobby des baulichen Erbes, oft die erfolgreichen Verteidiger wehrloser, aber nicht wertloser Denkmäler. In diesem ihrem Erfolg zeigen Sie, dass der Kampf sich lohnt und überzeugen damit viele zunächst Unentschlossene. Sie machen deutlich, dass es beim Erhalt unseres Erbes nicht um die Liebhaberei einiger verschrobener Ewig-Gestriger und verbeamteter Fortschrittsfeinde geht. Sie verkünden, dass es unser gemeinsames Erbe ist, das unserem Land die Identität gibt, das Heimat stiftet, Eindeutigkeit und Erkennbarkeit herstellt. Unter diesen Vorzeichen stimmt es nachdenklich, dass unser Blick in die Zukunft sich gegenwärtig so ausschließlich auf Aspekte der Technologie konzentriert. Ich halte dieses für gefährlich. Im Denkmalschutzjahr 1995 galt der Slogan: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit.“ Heute sollten wir wissen und deutlich sagen: Unsere Zukunft braucht ihre Vergangenheit. Ohne Vergangenheit keine Zukunft. Wer sich, wie die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, um die Vergangenheit kümmert, marschiert, wenn ich es überspitzt sagen darf, mit an der Spitze des Fortschritts, ist Avantgarde. Wichtig ist, dass Ihr Beispiel vor allem auch in die junge Generation hineinwirkt. Dort stellen wir nämlich viel Unkenntnis und Desinteresse fest, den Rückzug des Einzelnen in das Private, der vom tatkräftigen Engagement in der bürgerlichen Gesellschaft nichts wissen will. Um die jungen Leute insbesondere müssen wir werben, um ihr Interesse und ihr Verständnis für und ihre Liebe zu den Zeugen unserer Vergangenheit. Lassen wir unsere historischen Städte nicht zu globalisierten Party-Meilen und würdelosen Event-Kulissen verkommen! Machen wir den jungen Leuten klar, dass der Vandalismus gegen die Denkmäler kein Kavaliersdelikt in einer Zeit sein kann, welche die Parksünder entschlossen, uniformiert und rund um die Uhr verfolgt. Im Zusammenhang mit dem Theater hat August Everding immer wieder gesagt, dass uns eine jede Sache umso mehr Freude macht, je mehr wir von ihr wissen. So ist es wichtig, dass Kenntnisse der Baugeschichte oder der Archäologie nicht Spezialisten vorbehalten bleiben, sondern dass sie von den Lehrern, den Eltern und insbesondere von bürgerlichen Vereinigungen wie der Ihren ständig gepflegt und weitergetragen wird. Kenntnis und Freude sind gute Voraussetzungen für tätiges Engagement. Wird die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal jetzt, nach 40 Jahren, alt? Ist ihr Auftrag erledigt? Ich weiß nicht, wie sich Ihre Mitgliederzahlen entwickelt haben. Ich weiß auch nicht, wie viele 20 jährige, wie viele 50 jährige wie viele 70 jährige Menschen heute zu Ihnen gehören, ich weiß nicht wie viele Männer und wie viele Frauen. Aber eines weiß ich: Ihr Auftrag ist nicht erledigt. Ihr Auftrag ist ein Dauerauftrag! Mit dem Blick auf die kommenden Debatten über die kulturellen Identitäten des Landes, auf die Phänomene der Mobilität, der Migration und der rapid schwindenden traditionellen Milieus, müssen Sie und wir die in den sichtbaren und unsichtbaren Zeugnissen der Vergangenheit bewahrten ideellen Werte ständig neu sichtbar machen und begründen. Mit Blick auf die demographische Entwicklung müssen wir uns für die Revitalisierung und Weiterentwicklung der historischen Ortskerne einsetzen. Mit Blick auf die Probleme der Regionen Bayerns müssen wir ständig neu zeigen, wie gut gepflegte Baudenkmäler, wohl erhaltene Ortsbilder, archäologische Plätze in einer ästhetischen Landschaft die Attraktivität der Regionen stärken und im Wettbewerb ein starkes Gewicht in die Waagschale werfen. Sie und wir müssen ständig und mit Nachdruck den Respekt vor unseren Denkmälern und unserer Landschaft einfordern und dabei sagen, dass es nötig ist, dass sich Politik und Ökonomie von der Ideologie des immerwährenden Wachstums verabschieden, wo nie gefragt wird, was da wohin wächst. Ihr Auftrag, liebe Freunde von der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, ist ein Dauerauftrag. Er wäre erst dann erledigt, wenn alle Bürger überzeugte Kämpfer für Ihre und unsere Werte sind; wenn alle mitkämpfen gegen die prostitutionsartige Verwertung und Ausbeutung der Schönheit unserer Städte und unserer Landschaften durch massive Partikularinteressen. Ich bin sicher, dass sich das Einsetzen für dieses Erbe, das sich dafür erst beschimpfen und später verschämt loben lassen, dass dies nicht von gestern ist, sondern für heute und morgen wichtig bleibt!

Mehr Informationen erhalten Sie unter: http://www.blfd.bayern.de

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